„Wer tanzt denn da im Puppenreich?“

geschrieben am 11.4.2018 von Susanne Schneider

Die Geschichte, die wir uns rund um die Puppentänze ausgedacht haben, war unser erstes Schulprogramm, das wir 2005 entwarfen und das bei uns durch viele verschiedene Aufführungs-Varianten zu dem heranwuchs, was es heute ist. Es ist die Geschichte von einem imaginären Puppenball, der justament in der Nacht vor dem Schulkonzert stattfand und von dem unsere Puppen und Kuscheltiere begeistert und fast nervend am Schulkonzert-Morgen erzählen, so dass wir inmitten des alltäglichen und ohnehin chaotischen Familienalltags immer wieder zu einem überstürzten Aufbruch gezwungen werden. Dem entsprechend gestalten wir den Beginn der Vorstellung völlig chaotisch. Langsam müssen die Kinder die Fäden ordnen und herausfinden, was passiert ist. Mit diesem kleinen Trick, kommen sie meist schnell in der Fantasiewelt an, in der  wir beide uns schon längst versponnen haben (das ist übrigens immer wieder eine Herausforderung für uns… frühmorgens so aufgeregt wie kleine Kinder mit Kuscheltieren in der Hand wild herumzuplappern!).

Alles beginnt mit einem Ohrwurm, den mir meine Puppe durch permanentes Summen des „Lyrischen Walzers“ (des ersten von sieben „Puppentänzen“ von Dmitri Schostakowitsch) einpflanzte. Ich spiele ihn auf der Flöte im Treppenhaus als eine Art „Einblasübung“. Das hören natürlich die Kinder, die inzwischen schon von der völlig überdrehten Ente über etliche Details der Ballnacht unterrichtet wurden (Harfensuse oder seit Kurzem Klavier-Anke hatten nicht so viel Glück wie ich beim Aufbruch zu Hause, die Ente und Friedemann, ein vor sich hin schluchzendes Häufchen Elend haben sich in ihrem Auto mit in die Schule geschmuggelt und crashen nun unseren Konzertbeginn!). Nachdem auch die Ente endlich die Melodie hört, sie sofort kreischend wiedererkennt, natürlich denkt, der Ball geht weiter und die Situation ein wenig eskaliert, werde ich in den Saal gerufen…. Was alles so chaotisch beginnt, entwickelt sich nun zu einer handfesten Geschichte in ruhigeren Bahnen. Die Musik spielt natürlich eine große Rolle, erzählt von Fröhlichkeit, Liebe, Zwischenmenschlichem, Unterhaltung, Traurigkeit und bietet Rückzugsmöglichkeiten. Sie wird als besondere Sprache, die in andere Welten führt und die man erlernen kann, in möglichst vielen Facetten beleuchtet. Neben den Schostakowitsch-Tänzen wird auch das Flötenstück „Syrinx“ von Claude Debussy gespielt.

Wie sind wir damals auf diese Geschichte gekommen? Wir wollten Geschichten erzählen und unsere Instrumente vorstellen, wir wollten Schulanfängern und Schülern der ersten und zweiten Klassen (unsere Kinder waren selbst in diesem Alter bzw. noch kleiner) spielerisch Musik näherbringen, sie vielleicht auf den Weg hin zu ernsthafterer Beschäftigung mit Musik anregen, eine Art Grundstein für das spätere Musikhören legen.

Wir beide (Harfensuse und ich) spielten die Puppentänze von Dmitri Schostakowitsch als Kind im Klavierunterricht, nahmen sie also zuerst so auf, wie der Komponist es wohl auch gedacht hatte. Diese Stücke gehörten zu meinen Lieblingsstücken. Er schrieb die sieben Stücke 1952. Damals, kurz vor dem Tod Stalins, war er schon lange durch die Mühle des Systems gegangen, musste Berufsverbot ertragen und hatte Todesängste durchgestanden. (Eine besondere Buchempfehlung an dieser Stelle: Julian Barnes – „Der Lärm der Zeit“ und eine sehr gute Rezension Der Künstler und die Macht dazu, die Uwe Kalkowski auf seinem Blog Kaffeehaussitzer veröffentlicht hat.) Neue Stücke schrieb Schostakowitsch in jener Zeit nur für die Schublade, auf ein Ende des Stalin-Regimes hoffend, oder er schrieb sie wie diese Tänze, als Gebrauchs- und Unterrichtsstücke für den privaten Gebrauch. Öffentlich durfte zu dieser Zeit nichts erscheinen. Da er nicht mehr als Professor für Komposition arbeiten durfte, unterrichtete er wohl zu Hause Kinder im Klavierspiel.

Die Tragweite und Tiefe von Schostakowitschs Musik erschloss sich mir, wenn überhaupt, allerdings erst sehr viel später, als ich in seine sinfonischen Werke eintauchte. Mein erster Orchesterdienst nach bestandenem Probespiel im MDR-Sinfonieorchester war Schostakowitschs 8. Sinfonie, für mich ein unvergessliches Erlebnis. Seitdem habe ich natürlich unzählige Konzerte im Orchester mit Schostakowitschs Musik gespielt, hatte viele „Einsichten“ und „Gänsehautmomente“, zuletzt vor wenigen Tagen bei einer Aufführung von Schostakowitschs 10. Sinfonie, die er kurz nach Stalins Tod veröffentlichte. Jedesmal hört man mehr, viele Deutungen sind möglich. Bis zu diesen Erlebnissen hatte die Musik Schostakowitschs immer einen starken Beigeschmack des übergestülpten Sozialismus/Kommunismus (als DDR-Kinder mussten wir damit klar kommen, linientreu nacherzählen, was wir lernten, ich hatte damit große Probleme und mied es, wo ich nur konnte). In der Schule wurde diese Musik „regimegerecht“ oder gar nicht durchgenommen, Schostakowitsch wurde als linientreuer, kommunistischer Komponist dargestellt, allzu tief drang man aber nicht ein. Aus heutiger Sicht nur zu verständlich. Für die Lehrer meiner Schule galt die Lösung: nicht erwähnen und wenn, dann nur kurz. Ich wusste eigentlich kaum etwas über diese Musik, wollte eigentlich nichts weiter wissen, weil es eh „rot“ ist, so meinte ich. Dann kam 1989 die Wende, ich war damals 17. Dass meine im Westen Deutschlands aufgewachsenen Kollegen ganz anders über diese Musik denken, wurde mir sehr viel später bewusst. Da war für mich das Zwei-Welten-Deutschland wieder sehr deutlich spürbar. Mein Blick auf diese Musik wandelt sich, je mehr ich davon spiele.

Als wir nach geeigneten Stücken für ein erstes Schulkonzertprogramm suchten, fielen mir diese „Kinderstücke“ wieder ein. So oft werden sie nicht gespielt, da boten sie sich geradezu an. Dass wir unsere Instrumente in diesem Rahmen vorstellen wollten, war auch klar. Dass die Geschichte von Pan und Syrinx mit dem wundervollen Debussy-Flötenstück ganz wunderbar in unsere Geschichte passt (auch wenn dabei ja eigentlich die Panflöte erfunden wurde), erschließt sich einem nicht auf den ersten Blick. Hier erwähne ich nur, dass die Figur Pans als gewalttätigem Verfolger der Syrinx, die sich nur durch Verwandlung seinem Zugriff entziehen kann, auch in Schostakowitschs Leben eine Parallele findet.

Für die Harfe war die Wahl schon schwieriger, aber wir fanden ein spanisches Stück mit vielen Effekten und so gab es auf dem Ball eben auch eine spanische Tänzerin, die als Gast und besondere Attraktion ihr Können zeigte und wir ganz nebenbei Begriffe und Spielweisen erklärten. (Anke war von dieser spanischen Musik so begeistert, dass sie gleich ihre Flamenco-Künste zückte, ich müsste dafür nur mal kurz ans Klavier wechseln, oh Schreck – öffentlich! – aber ob wir das so machen, wissen wir noch nicht, es gehört doch in diesem Kontext eigentlich nicht dazu… reizvoll wäre es aber schon. Mal sehen, diese Sache bauen wir ganz bestimmt woanders mal ein!)

Zurück zur Puppenballgeschichte… ich will hier nicht die ganze Story verraten, es muss ja auch noch spannend bleiben. Die Sache ist höchst fantasievoll zu verfolgen und sie öffnet den Kindern vielleicht den Weg in verschiedene Welten. Es wird gemeinsam getanzt, spannenden und traurigen Geschichten gelauscht und am Ende auf ein Happy End gehofft, das sich aber vorerst nicht einstellt. Die überdrehte Ente, der traurige Friedemann und die verwandelte Syrinx, sie leben in sehr verschiedenen Welten, trafen an diesem Ball-Abend aufeinander und näherten sich kurz an. Am Ende gehen alle auseinander, erst im nächsten Jahr wird wieder ein Puppenball stattfinden, wieder werden sich alle treffen, aber das ist eine lange Zeit bis dahin, nicht alle sind damit zufrieden. Denn nicht alle fühlen sich in ihrer eigenen Welt wohl, es gibt die naive, kindliche  Unbeschwertheit der Ente, es gibt Gewalt und Angst und die Hoffnung, dem zu entkommen der Syrinx, aber auch die hoffnungsvolle Liebe Friedemanns, die auf schwachen Füßen steht und vielleicht nicht erwidert wird. Wie die Geschichte im nächsten Jahr weitergeht, weiß keiner, alle möchten jetzt gleich helfen. Und das wird auch den Kindern klar, die sich inzwischen meist sehr gut in alle Handelnden hineinversetzen können. Gemeinsam mit den Kindern wird am Ende nach einer für alle guten und vielleicht machbaren Lösung gesucht. Das Beste daran ist, alle können etwas tun. Und da sind wir wieder in der Fantasiewelt und bei der Musik…

Musik kann so viel, sie kann uns entführen, Freude und Traurigkeit ausdrücken, uns zum Tanzen und Herumtollen bringen, aber auch zum Weinen oder sie kann uns trösten. Unsere Botschaft soll sein: Es lohnt sich, diese besondere Sprache zu lernen. Wir wollen ermutigen, sich mit dieser „Weltsprache Musik“ zu beschäftigen, selbst Musik zu machen, wo und wie auch immer, denn dadurch werden vielfältige, weitreichende Verbindungen möglich.

Die Verbindung zwischen unserer eigenen Fantasie, alten Legenden, seien es Märchen oder Sagen der Mythologie und dem Blick auf das schwierige Leben eines Komponisten in einer Diktatur, der mit der mutigen Sprache seiner Kompositionen allen viele Rätsel aufgegeben hat, ist für uns immer mehr ein Grund, solche Geschichten zu erzählen. So erschließen sich auch uns immer wieder neue musikalische Details. Wir wollten dieses Programm schon aussortieren, weil es überaus unterhaltenden Charakter trägt. Wir stritten darüber, dass es zu wenig Bildung enthält, zu weit an den Haaren herbeigeholt… Tja, und dann spielt man mal wieder eine Sinfonie von Schostakowitsch… Wir erzählen am Ende des Programms kurz, wer diese Puppentänze geschrieben hat, wir erwähnen auch nur kurz, dass dieser Komponist eine Art „Pan“ in seinem Leben hatte, er sich aber nicht einfach so verwandeln konnte wie Syrinx, sondern „nur“ in Musik-Rätseln schreiben konnte, die der Unhold in seinem Leben nicht verstehen konnte. Vielleicht ist das ein Einstieg für die Kinder in eine besondere musikalische Welt, in der sie später viel entdecken können.

2 Kommentare zu „„Wer tanzt denn da im Puppenreich?“

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